Forschungsbereich 4: Demokratie, Partizipation und Öffentlichkeit

In diesem Forschungsbereich wird die Frage bearbeitet, wie sich Partizipationsprozesse in Gegenwartsdemokratien unter dem Einfluss digitaler Technologien grundlegend und langfristig verändern und wie sich diese Entwicklung auf die öffentliche Meinungsbildung und Diskurse auswirkt. Die Problemlagen und Folgen der Digitalisierung für das politische Leben in Deutschland sind vielfältig und konsequenzenreich. Sie betreffen z.B. die Rolle von sozialen Medien und deren Einsatz in Wahlkämpfen, das Informationsverhalten von netzaffinen oder politikfernen Zielgruppen, die Beschreibung von Schwarmintelligenz bei politischen Skandalen, die Dynamik politischer Mobilisierung durch Clicktivismus, die Rolle von digitalen Netzwerken bei politischen Protest- und Empörungsdynamiken, die Folgen von Propaganda und Extremismus im Internet, die Verbreitung und Nutzung politischer Inhalte im Internet im Zusammenhang mit Entpolitisierung, Radikalisierung und Mobilisierungsprozessen. Durch digitale Plattformen, Blogs und soziale Netzwerke sind politische Akteure und Bürger*innen gleichermaßen Zielscheibe von Kritik, Hasskommentaren, Lügen und Manipulation und können zugleich auf Onlinemedien, Internet- Auftritte und die sozialen Medien nicht verzichten, wenn es um ihre Information, die Beobachtung von Öffentlichkeit und ihre Beteiligung am öffentlichen Diskurs geht.

Im Forschungsbereich Demokratie, Partizipation und Öffentlichkeit sind vier Forschungsgruppen angesiedelt:

 

Digitale Kommunikationsmedien und Infrastrukturen beeinflussen den Wandel demokratischer Organisation doppelt: Einerseits erweitern sie das Repertoire, die Ressourcen und Verfahren demokratischer Selbstbestimmung von Bürger*innen und politischen Akteuren. Andererseits fordern sie das bestehende Institutionengefüge heraus und werden selbst zum Gegenstand politischer Willensbildung und Entscheidung. Das Forschungsinteresse richtet sich daher auf die Art und Weise, wie sich politische Akteure, Bürger*innen, soziale Bewegungen und die Zivilgesellschaft digitale Technologien aneignen, sie weiterentwickeln und sich in diesem Prozess selbst verändern. Die Frage ist, ob hierbei grundlegend neue Formen von politischer Beteiligung entstehen, wie sie Konzepte von Digital Citizenship postulieren. Hier steht der Wandel der Bürgerrolle im digitalen Zeitalter im Zentrum, womit auch problematische Aspekte (Filter Bubbles/Echo Chambers, Einsatz von Social Bots) verbunden sind

Die Digitalisierung begünstigt schließlich eine Bedeutungsveränderung von nationalen Räumen und Grenzen bei sozialen, politischen, wirtschaftlichen und wissenschaftlichen Kommunikationsprozessen. Dies bewirkt eine Relativierung räumlicher Entfernung und eröffnet neue Chancen der Innovation, Integration und Politikformulierung. Zugleich sind transnationale Kommunikationsbeziehungen durch die Digitalisierung dynamisch, störungsanfällig und fluide und bringen die Gefahr von politischen und sozialen Spannungen sowie kulturellen Missverständnissen mit sich.

Ausgehend von der Arbeit der vier Forschungsgruppen sollen mittel- und langfristig neben diesen Projekten eine Dateninfrastruktur und Kompetenzen im Bereich digitaler und sozialwissenschaftlicher Methoden aufgebaut werden, die bei einer dauerhaften Einrichtung des Instituts die Grundlage für eine Daten- und Methodenabteilung bilden werden. Hier ist die Kooperation mit Forschungsgruppe 11 zur Digitalisierung der wissenschaftlichen Wertschöpfung zentral. So sollen bereichsübergreifende Arbeitsgruppen gebildet werden, die Indikatoren der Produktion und Nutzung digitaler politischer Information entwickeln. Die Projekte erfordern einen methodischen Zugriff auf Daten, der über die Standardmethoden sozialwissenschaftlicher Recherche hinausgeht. So sollen Methoden der automatisierten Medieninhaltsanalyse mit Erhebungs- und Analyseverfahren wie Netzwerkanalysen, multidimensionale Big-Data-Analysen und Geodaten weiterentwickelt und kombiniert werden.