Forschungsbereich 6: Technikwandel

Mit digitaler Vernetzung bezeichnen wir die durchgehende und durchgängige Verknüpfung der physischen Welt mit der digitalen Welt. Dieser Prozess steckt hinter sehr unterschiedlichen Begriffen wie Internet of Things, Smart Cities, Smart Grid, Smart Production, Industrie 4.0, Smart Buildings, Internet of Systems Engineering, cyber-physische Systeme oder Internet of Everything. Zentral sind in all diesen Begriffen die digitale Erfassung, Abbildung und Modellierung der physischen Welt sowie die Vernetzung der daraus entstehenden Informationen. Diese ermöglichen die zeitnahe und teilautomatisierte Beobachtung, Auswertung und Steuerung der physischen Welt. Die digitalen Abbilder nehmen neben Technologien und Infrastrukturen der Digitalisierung eine zentrale Rolle ein. Dabei kann die Vernetzung in der physischen Welt durch eine Vernetzung der Modelle und Daten reflektiert werden. Modelle mit Ausführungssemantiken liefern unter Nutzung der Daten die Basis für die Verifikation und Validierung digitaler Abbilder und ihre Analyse mittels simulativer und analytischer Methoden zur Bewertung und Prognose von Effekten in der physischen und/oder der digitalen Welt. Zudem werden zur Vernetzung verschiedene Netztechnologien und -typen gleichermaßen benötigt. Sie werden durch softwaredefinierte Netze (Software-Defined Networking SDN), virtualisierte Netzfunktionen (Network Functions Virtualization, NFV) und Netzscheiben (Network Slicing) realisiert werden.

Wie all dies in Abstimmung zwischen Gesellschaft, Politik, Herstellern und Betreibern erfolgen sollte, ist Gegenstand der Arbeit dieses Forschungsbereichs. Die informatische und technische Perspektive wird in den Forschungsgruppen mit techniksoziologischen Ansätzen verbunden. Diese Ansätze hinterfragen eine deterministische Wahrnehmung der Technik, wonach die Technikentwicklung weitgehend autonom abläuft und sich die Gesellschaft an das jeweils Erreichte anpassen muss. Der pragmatische, sich auf John Dewey berufende Ansatz betont hingegen die Ko-Evolution von Maschinen, Infrastrukturen und Verfahren einerseits und gesellschaftlich-politischer Institutionenbildung andererseits. Die aktuelle empirische Forschung dieses Ansatzes richtet sich auf komplexe hybride Arrangements und Infrastrukturen wie etwa das Flugzeug, Online Communities oder den digitalen globalen Börsenhandel, die gesellschaftliches Handeln gleichzeitig ermöglichen, aber auch begrenzen, mediatisieren und normieren. Die Forschungsergebnisse zeigen die wachsende Verflechtung und wechselseitige Abhängigkeit von menschlichen, delegierten und automatisierten Handlungen und verweisen auf die Entstehung neuer Handlungslogiken, die die Erfahrung technisch vermittelter Interaktion internalisieren und vorantreiben.

Die Fragen der Technikentwicklung werden im Weizenbaum-Institut durch zwei Forschungsgruppen bearbeitet:

 

Die zwei Gruppen arbeiten in engem Austausch mit den anderen Forschungsbereichen und nehmen Anstöße zu den Forschungsfragen auf, etwa im Hinblick auf den Einsatz automatisierter Prozesse und Verfahren sowie Fragen der Governance oder Gebrauchstauglichkeit von Technik. Zudem werden eigene Analysen zu Fragen der Weiterentwicklung digitaler Infrastrukturen, Systeme und Lösungen entwickelt. Ergänzend wird der Forschungsbereich detaillierte Literatur- und Datensammlungen erarbeiten zu technischen und politischen Entwicklungen des Internets, Ausfällen und Angriffen im Internet, Sicherheitsmethoden und -architekturen sowie Ressourcenverbräuchen von Hard- und Software.
Mittel- und langfristig sollen in Abstimmung mit den anderen Forschungsbereichen Empfehlungen für den gesellschaftlich intendierten Technikwandel und für mögliche Anreiz- oder Steuerungssysteme entwickelt werden. So kann sich dieser Forschungsbereich zu einem Thinktank für zentrale Hightech-, Innovations-, Digitalisierungs- oder Nachhaltigkeitsstrategien in Deutschland und Europa entwickeln.