Forschungsbereich 2: Vertrag und Verantwortung auf digitalen Märkten

Die rechtliche Regulierung der privaten Lebensgestaltung basiert in Deutschland und in den Industriestaaten auf der Prämisse der Selbstbestimmung. Das Individuum trifft im Rahmen seines privaten, sozialen und geschäftlichen Lebens rechtlich relevante Entscheidungen, durch die es sich vertraglich bindet, Haftungsrisiken auf sich nimmt, Eigentumsrechte erwirbt, Daten preisgibt etc. Die Freiheit, die eigenen Lebensverhältnisse in rechtlich abgesicherter Weise gestalten zu können, setzt allerdings voraus, dass sich private Akteure auch tatsächlich frei und selbstbestimmt entscheiden können. Vernetzung und Digitalisierung verändern die Rahmenbedingungen, in denen sich die so verstandene Selbstbestimmung heute vollzieht. Dies hat Auswirkungen auf die Kernbereiche des Privatrechts, bei denen sich Individuen neuen Diensten und Vertragsverhältnissen ausgesetzt sehen und sich zugleich neue Chancen und Risiken durch neue Geschäftsmodelle ergeben. Ob es sich bei diesem Veränderungsprozess um einen Paradigmenwechsel der sozialen Wirklichkeit handelt, den das Recht nachvollziehen muss, oder ob es das im Recht gespeicherte individualistische Menschenbild zu verteidigen gilt, hängt letztlich von der Perspektive des Betrachters ab. Die Auswirkungen der Vernetzung auf das Privatrecht lassen sich an verschiedenen Themenfeldern beobachten, wobei eine interdisziplinäre Untersuchung der rechtlichen, technischen und gesellschaftlichen Aspekte gefordert ist.

Die offenen Forschungsfragen werden im Weizenbaum-Institut von drei Forschungsgruppen bearbeitet:

 

Die erste Forschungsgruppe setzt sich mit dem Einsatz von Daten als Zahlungsmittel auseinander. Hier wird untersucht, welche Voraussetzungen für die Anwendung eines Marktmodells bei personenbezogenen Daten gelten und wie die hergebrachten Regeln des Vertragsrechts anzuwenden und zu verändern sind, um dem Phänomen gerecht zu werden. Komplementär hierzu bearbeitet die zweite Forschungsgruppe datenbasierte Geschäftsmodellinnovationen. Wo beispielsweise früher einzelne Produkte im Fokus der Innovationsprozesse standen (z.B. das Automobil), wird nun die Entwicklung neuer, digitaler Geschäftsmodelle wichtiger (z.B. datenbasierte Mobilitätsdienstleistungen). Eine dritte Forschungsgruppe wird sich mit der Verantwortung der verschiedenen Akteure im Kontext des sogenannten Internets der Dinge auseinandersetzen. Mittel- und langfristig soll damit die Grundlage für eine Theoriebildung der Selbstbestimmung auf digitalen Märkten geschaffen werden, die einerseits die Prämissen und Konsequenzen eines selbstbestimmten Agierens von Privatpersonen in den Blick nimmt, andererseits die Perspektive von innovativen Unternehmen auf den digitalen Märkten beachtet.